Von Technik zu Technologie

Das ERGONOMIC Institut hat einen Großteil seiner Aktivitäten der Schaffung oder späteren Prüfung von technisierten bzw. hochtechnisierten Arbeitsverfahren gewidmet. Solche Aktivitäten stießen und stoßen häufig auf Skepsis, und zwar sowohl bei Befürwortern von Technik als auch bei ausgesprochenen Gegnern. Wer konnte an der Frage „Ist der Computer der Jobkiller oder Jobknüller?“ einfach vorbeigehen? Warum man solche Fragen lieber unbeantwortet lassen sollte, kann man anhand der Begriffe „Technik“ und „Technologie“ darstellen.

 

Während eifrige Verkäufer von technischen Produkten bereits simple Produkte zu einer Technologie hoch stilisieren, sprechen Industriesoziologen sehr selten von „Technologien“. Auch Ingenieuren und Technikern ist der Begriff Technologie zu hochtrabend. Sie reden lieber von Technik, allenfalls von „Engineeringsprodukten“, wenn sie sich wagen, etwas großspuriger zu reden. Das Wort Technologie, insbesondere dessen englische Form „technology“ ist typisch für Marketingssprech.

 

Die Inflation des Begriffs Technologie beraubt uns der Fähigkeit, zwischen purer Technik und hochwertigen technischen Systemen zu unterscheiden. Technikfeindlichkeit ebenso wie übertriebene Technikgläubigkeit sind häufig auf dieses fehlende Unterscheidungsvermögen zurückzuführen.

 

Durch eine viele Jahrzehnte alte Differenzierung lässt sich viel Verständnis für die Dinge schaffen, die sich um den Begriff Technik ranken. Diese besagt, dass es drei unterschiedliche Stufen von „Technologien“ gibt:

  • technische Technologien
  • intellektuelle Technologien
  • soziale Technologien

 

Als Beispiel für eine technische Technologie kann man ein Mobilfunktelefon anführen. Ein solches Gerät besitzt für sich gesehen keinen Wert, solange es keine zweite Person mit einem Gerät gibt, das mit dem ersten kommunizieren kann. Zudem muss der Besitzer des ersten Geräts die Nummer des zweiten kennen. Üblicherweise nennt man solche Technologien schlicht „Technik“. Sie können weder Knüller noch Killer sein. Schon gar nicht von Jobs.

 

Aus einer solchen wertfreien Technik lässt sich eine „intellektuelle„, d.h. denkende bzw. durchdachte Technologie entwickeln, indem man sie mit bestimmten Zielen verknüpft, evtl. auch mit weiteren Techniken. Ein Beispiel hierfür wäre die Schaffung und der Betrieb einer Firma mit Hilfe von Mobilfunkgeräten und aus Menschen, die an verschiedenen Stellen der Welt leben (müssen). Als eine weitere Technik, die das gleiche Ziel unterstützt, kommt das Drucken in Frage, womit ein Verzeichnis der Mitarbeiter der Firma erstellt und verteilt wird.

 

Bereits diese Firma ist nicht mehr als wertfrei zu betrachten, weil sie gute wie böse Ziele verfolgen kann. Ihr wesentlicher Bestandteil muss auch nicht mehr die technische Technologie, d.h. das Mobilfunkgerät, sein. Die Technik liefert lediglich die notwendigen Voraussetzung für deren Funktionieren. In dieser Rolle ist auch sie nicht mehr wertfrei.

 

Wie eine technische Technologie der Entstehung solcher Gebilde beitragen kann, demonstriert z.B. die Nutzung von Handies unter Jugendlichen, die im Rahmen vieler (menschlicher) Netzwerke miteinander kommunizieren, einst hauptsächlich durch SMS, heute durch viele Medien und Apps. Die „Technologie“, die insbesondere Jugendliche in Europa entwickelt haben, hat nicht nur eine eigene Sprache hervorgebracht, sondern völlig neue Verhaltensweisen produziert. Diese Sprache hat z.T. mit der gesprochenen wenig zu tun, weil sie viel mit bildern (z.B. Emojis) arbeitet.

 

Den Gipfel von „Technologien“ bilden soziale Technologien, bei denen technische und intellektuelle Technologien bewusst verknüpft werden, um ein gemeinschaftliches Ziel zu erreichen. Beim Beispiel des Mobilfunktelefons wäre dies eine Organisation von Umweltschützern, die ihre Aktionen weltweit über Mobilfunknetze koordinieren. Solche Technologien sind weit davon entfernt, wertfrei zu sein. Sie stellen für manche Regierungen gar eine Existenzbedrohung dar, während andere ihre Existenz gerade solchen Netzwerken verdanken. Viele Menschen in Indien oder Afrika verdanken ihr Leben dem „Handy“, dem der medizinischen und sozialen Betreuer, deren Arbeit vor Ort im entferntesten Dorf in steter Verbindung mit den Ressourcen in großen Ballungszentren (Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser) ablaufen kann. Menschen, denen keine Bank ein Konto einrichten würde, weil der Umsatz mickrig wäre, können über ein Smartphone Geldgeschäfte führen und sind so nicht von der wohlhabenderen Bevölkerung abgekoppelt.

 

Es hat sich als sinnlos erwiesen, sich für oder gegen „technische“ Technologien zu stellen, weil diese eben wertfrei sind. Hingegen kann man nachweisen, dass man die hierzu vergeudete Zeit und Kraft eher hätte aufwenden sollen, um unerwünschte Anwendungen solcher Techniken zu behindern und die wünschenswerten zu fördern. Einen überzeugenderen Nachweis für diese Vorstellung als die Führerschaft der skandinavischen Länder in der Computereinführung bzw. -durchdringung wird es vermutlich nicht geben. Dort agierten über Jahrzehnte die schärfsten Kritiker der Computertechnik. Sie haben geholfen, computergestützte Technologien zu schaffen, die wiederum den Wohlstand in diesen Ländern wirkungsvoll unterstützen. Während man in Deutschland der 1980er Jahre und danach fürchtete, durch die Computer arbeitslos zu werden oder hohen Belastungen bei den übrig gebliebenen Jobs ausgesetzt zu werden, gehören die Bürger der nordischen Länder im 21. Jahrhundert zu den glücklichsten Menschen auf dem Planeten.

 

Ob sie etwas Neues darstellen oder die Vervollkommnung von vorhandenen Technologien, die semantischen Technologien, wird sich noch herausstellen (siehe, leider keine Quelle i.S. eines Semantic Web). Ob man Dinge, die nicht nur Hilfsmittel oder Werkzeuge darstellen, um ein begrenztes Ziel zu erreichen, z.B. wie Werkzeuge und Maschinen, sondern das Verhalten von Menschen, Gruppen bis hin zu Völkern ändern, mit dem Uralt-Begriff Technologie bezeichnen sollte, sei dahingestellt.

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